Der Garmin Xero L60i im Schwarzwald Test

Vom Rheintal in die Vertikale:

Horrido, liebe Jagdfreunde!

Machen wir uns nichts vor: Jäger sind Gewohnheitstiere. Meine jagdliche Welt war lange Zeit flach. Sehr flach. In den weitläufigen Rheinauen und den offenen Feldfluren des Rheintals bedeutete „Weitblick“, dass ich sehen konnte, wer übermorgen zum Stammtisch kommt. Distanzmessung? Ein absolutes Kinderspiel.

Und dann kam der Wechsel in die raue Vorbergzone des Schwarzwalds.

Plötzlich war Schluss mit der Komfortzone. Statt sanfter Wiesen und weiter Felder folgten dichte Waldecken, tiefe Gräben und Kanten mit abrupten Hangneigungen – mein bisheriges handwerkliches Wissen stieß schlagartig an seine Grenzen. Hier schaust du nicht mehr gemütlich geradeaus, sondern kniest im Steilhang und fragst dich, ob das Stück Rehwild da drüben nun 150 Meter oder 80 Meter entfernt steht – und ob dir die Schwerkraft gleich einen Streich spielt.

Als Garmin mit dem Xero L60i den ersten Laser-Entfernungsmesser mit voll integrierter, kartenbasierter GPS-Navigation auf den Markt brachte, war mein Jagdtrieb geweckt. Das edle Teil musste mit in ins Revier.

©Tom Tittmann

Haptik, Verarbeitung & Bedienung

Schon beim Auspacken macht das Gerät unmissverständlich klar, in welcher Liga es spielen will: Das Gehäuse wirkt extrem robust – es fühlt sich an wie ein kleiner Panzer, liegt aber trotzdem ergonomisch perfekt in der Hand. Auch die mitgelieferte Tragetasche unterstreicht den Premium-Anspruch. Zudem lässt sich der Xero L60i nach IPX7-Standard von strömendem Regen oder dichter Nebelsuppe nicht beeindrucken.

Durchdachte Tastenlogik und Scharfstellung

Die Bedienung über die Tasten am Gehäuse funktioniert in der Praxis hervorragend, benötigt durch den immensen Funktionsumfang aber etwas Eingewöhnung. Da das Gerät im Grunde mehr an ein vollwertiges GPS-Handgerät als an einen klassischen Entfernungsmesser erinnert, ist das nicht verwunderlich. Hat man die Menülogik einmal verinnerlicht, erreicht man alle Parameter schnell und ohne langes Suchen.

Sehr gut gelöst ist der Dioptrienausgleich am Okular (±4 Dioptrien), mit dem sich das digitale Display-Overlay gestochen scharf auf die eigene Sehstärke anpassen lässt.

©Tom Tittmann

Licht aus, Spot an: Optische Brillanz gegen das Schwarzwald-Dickicht

Wer schon mal im Schwarzwald gejagt hat, weiß: Licht ist hier oft Mangelware. Während im Rheintal die Sonne den Pelz wärmt, herrscht in den schattigen Hanglagen oft ein permanentes Dämmerlicht.

Hier schlägt die Stunde der Wahrheit für die Optik des L60i.

Das flache, randlose Sichtfeld durch das 32mm-Objektiv ist schlichtweg eine Wucht. Dank des Glases mit geringer Dispersion (ED-Glas) heben sich die Konturen des Wildes selbst bei fiesen Licht-Schatten-Wechseln messerscharf vom dunklen Nadelholz ab. Ein integrierter Umgebungslichtsensor regelt die Helligkeit des mehrfarbigen Displays vollautomatisch ab. Besonders praktisch: Bei Nacht schaltet die Anzeige auf Rot um, was die eigene Nachtsicht schont. Solche Details zeigen, dass hier Praktiker mitgedacht haben.

©Tom Tittmann

Reale Performance vs. Laborwerte

Garmin verspricht unter optimalen Laborbedingungen utopische Distanzen (bis zu 2.775 Meter bei Wild und bis zu 7.000 Meter bei stark reflektierenden Spezialzielen). Das mag in der Wüste Nevada klappen – im dichten Schwarzwald zählt für mich jedoch die reale Performance im Unterholz. Und die sieht exzellent aus:

  1. Tageslicht & wechselnde Lichtverhältnisse: Wildtiere knackig auf bis zu 250 Meter erfasst, markante Felsen und Tannen bis 650 Meter.

  2. Starke Abenddämmerung (freie Hangsicht): Sicheres Ansprechen und Messen von Rot-, Reh- und Schwarzwild auf stolze 550 Meter.

  3. Messgenauigkeit: Präzise ±0,25 m auf Entfernungen unter 1.000 Metern und ±1 m bei Distanzen darüber.

©Tom Tittmann

Orientierung per GPS & Laser Locate™

Im flachen Rheintal war die Sache nach dem Schuss einfach: „Da vorne bei der dritten Buche von links.“ Im zerfurchten Schwarzwald? Keine Chance! Schießt man hier über einen tiefen Graben hinweg, sieht nach dem Umgehen des Hindernisses plötzlich jeder Nadelbaum exakt gleich aus. Frustfaktor: Riesig.

Hier hat mir die Laser Locate™-Funktion sprichwörtlich den Hintern gerettet. Per Knopfdruck projiziert das Gerät den genauen Standort des gemessenen Ziels (den vermuteten Anschuss) als Wegpunkt direkt auf die integrierte Topo Active-Karte. Das Ganze synchronisiert sich via Garmin Explore-App nahtlos mit dem Smartphone oder der Garmin Smartwatch.


Tipp aus der Praxis – Sensor Locate™

Steht das Stück hinter dichtem Geäst auf dem nächsten Bergrücken und der Laser kommt nicht durch? Dann füttern die internen Sensoren (Kompass und Neigungsmesser) das Kartenmaterial und schätzen den Wegpunkt zuverlässig ab. Auch für die Zusammenarbeit mit Jagdkameraden oder der Bergwacht im Ernstfall ist das Teilen dieser Suchsektoren ein gewaltiger Sicherheitsgewinn.


©Tom Tittmann

Wenn die Physik zuschlägt: Winkelballistik & Sensoren

Jeder Jungjäger lernt den alten Spruch: „Berg rauf, Berg runter – halt immer drunter!“ Aber um wie viel eigentlich? Im flachen Rheintal war mir der Coriolis-Effekt gelinde gesagt völlig egal. In den steilen Hängen des Schwarzwalds wird die Schwerkraft jedoch zum Endgegner.

Der große Vorteil des L60i gegenüber einem separaten Ballistikrechner: Es muss nichts mehr mühsam von Hand eingegeben werden. Das Gerät ist vollgepackt mit Sensorik:

  1. Präzise GNSS-Positionierung (GPS & Co.)

  2. Barometrische Sensoren für Luftdruck & Temperatur

  3. 3-Achsen-Kompass & Neigungssensor für Schussrichtung und Winkel

Der integrierte Applied Ballistics Ultralight™ Solver (konfiguriert via AB Quantum-App) verrechnet all diese Daten in Echtzeit. Sogar der Coriolis-Effekt fließt automatisch ein.

Das Wind-Dilemma clever gelöst

Lediglich der Wind kann nicht vom Gerät gerochen werden und muss manuell geschätzt werden. Doch auch hier hat Garmin mitgedacht: Es lassen sich zwei Windgeschwindigkeiten hinterlegen. Der Solver berechnet daraus eine Korridor-Lösung mit einem High- und Low-Wert, innerhalb derer die tatsächliche Korrektur am Zielfernrohr liegen muss. Das Ergebnis sind blitzschnelle Klick-Korrekturen für das Absehen. Selbst für passionierte Bogenschützen liefert der Rechner den exakten Eintrittswinkel am Ziel.

©Tom Tittmann

Stromversorgung: Pragmatismus trifft Geschmackssache

Betrieben wird der Xero L60i mit zwei AAA-Lithium-Batterien, die laut Hersteller für rund 1.400 Messungen reichen.

Hier scheiden sich die Geister: Einerseits sind Batterien im Feld unkompliziert und in Sekunden gewechselt – man hat keinen proprietären Akku-Ausschuss, den man im Winter vergisst zu laden. Andererseits wirkt das System nicht mehr ganz zeitgemäß. Wer heute stundenlang draußen unterwegs ist, hat ohnehin eine Powerbank im Rucksack. Ein wechselbarer Akku mit integrierter USB-C-Lademöglichkeit wäre die modernere Lösung gewesen: Schnell getauscht wie eine Batterie, aber unterwegs flexibel nachladbar.

©Tom Tittmann
©Tom Tittmann

Fazit

Sagen wir es, wie es ist: 2.499,99 Euro sind ein verdammt stolzer Preis. Dafür bekommt man aber nicht nur ein einfaches Schätzglas, sondern das derzeit innovativste All-in-one-Gerät auf dem Markt. Die Kombination aus erstklassiger Optik, gestochen scharfem Display-Overlay, High-End-Winkelballistik und echter GPS-Kartennavigation gibt es in dieser Form nirgendwo anders. Besonders für Jäger, die bereits tief im Garmin-Ökosystem (Smartwatch, GPS-Hundeortung) verankert sind, ist die Nahtlosigkeit der Systeme ein gewaltiges Kaufargument.

Dem gegenüber stehen die etwas altmodische Stromversorgung und die Tatsache, dass man mit Einzelkomponenten (Laser-Entfernungsmesser + Smartphone-App) teils günstiger fährt. Wer jedoch eine kompromisslose Komplettlösung sucht und das nötige Kleingeld mitbringt, wird mit dem L60i extrem glücklich werden.

Für mich als „Flachland-Flüchtling“ hat der Garmin Xero L60i den Übergang in die raue Vorbergzone des Schwarzwalds massiv erleichtert. Aber bei aller Faszination für die Technik dürfen wir eines nie vergessen: Sie bleibt ein Hilfsmittel. Das Verständnis für das eigene Handwerk, die Einschätzung der Lage und das Vertrauen in den eigenen Instinkt kann uns kein Sensor der Welt abnehmen.

Wie sieht es bei euch aus? Jagt ihr noch im Flachen oder kämpft ihr euch bereits durch die Hänge?

Salü, Servus & Waidmannsheil

Tom 

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